II Game Design

Einleitung

Die neuzeitliche Entfaltung der audiovisuellen Medien – von Theater über Film und Fernsehen zu Games und Transmedia – kennzeichnet konstante Ausdifferenzierung und ansteigende Komplexität. Die Herstellung digitaler Spiele steht daher in deutlicher Relation und ebenso deutlicher Distanz zu denen der älteren audiovisuellen Medien und Künste. Jene Kenntnisse, Talente und Gewerke, die das Theater als audiovisuelles Leitmedium vorindustrieller Kultur hervorbrachte – etwa Autoren, Regisseure, Produzenten, Schauspieler, Kostüm- und Maskenbildner, Kulissenbauer – benötigte auch die analoge Filmproduktion.

Nicht nur aber erforderte die Arbeit für den Film, das audiovisuelle Leitmedium industrieller Kultur, von diesen Gewerken des Theaters entscheidende Anpassungsleistungen – ein Drehbuch ist kein Drama, Filmschauspieler müssen für die Kamera spielen usf. Hinzu traten auch neue Gewerke, die für den analogen Film spezifisch sind – Kameraleute, Cutter beziehungsweise Editoren sowie Spezialisten für optische Effekte und später für Tonaufnahmen und Geräuscheffekte.[1]

Vergleichbar stellt sich nun die Herstellung digitaler Spiele als Ausdifferenzierung und Steigerung der Komplexität dar: Game Development erfordert all jene Kenntnisse und Talente, die bereits Theater und Film ausbildeten. Darüber hinaus verlangt es von den Spezialisten nachhaltige Anpassungsleistungen, beispielsweise an die Virtualisierung der Schauspielkunst, des Kulissenbaus und der Kamera oder an die Multi- und Nonlinearität von Dialog- und Tongestaltung.

Hinzu treten aber gänzlich neue Anforderungen, von der Entwicklung der Spielmechaniken und multilinearen Narrationen über die Gestaltung interaktiv navigierbarer Handlungsräume bis zur Programmierung der prozeduralen Abläufe. Mit digitalen Spielen entstehen so Spezialisierungen, die weder Theater noch Film und Fernsehen kannten – u.a. Game Design,[2] Game Arts[3] und die informatische Realisierung.[4]

Entscheidend für den arbeitsteiligen Prozess der Herstellung digitaler Spiele ist dabei seine kategoriale Differenz zur Produktion linearer Audiovisionen. Theaterstücke werden geschrieben und dem zeitlichen Ablauf ihrer Narrationen entsprechend aufgeführt, vergleichbar dem Prozess ganzheitlicher handwerklicher Produktion. Filme werden ebenfalls geschrieben, aber unabhängig von dem zeitlichen Ablauf ihrer Narrationen gedreht und schließlich endmontiert wie andere industrielle Produkte auch. Für digitale Spiele schließlich werden keine Dramen oder Drehbücher geschrieben, sie werden wie alle Software designed. Dieser Prozess wird zwar schriftlich konzipiert und festgehalten. Das Game-Design-Dokument enthält jedoch keine fixierten Handlungsabläufe, sondern die physikalischen, funktionalen und ästhetischen Details von Handlungsräumen sowie die Regeln und Konditionen möglichen Handelns. An die Stelle (schriftlicher) Beschreibungen einzelner Wirklichkeitsausschnitte und der spezifischen Handlungen, die in ihnen stattfinden sollen und die später inszeniert und aufgezeichnet werden, treten so in der Entwicklung digitaler Spiele die virtuelle Gestaltung und prozedurale Konstruktion kompletter hyperrealistischer audiovisueller Welten. In ihnen lässt sich eine Vielzahl von Handlungen durchspielen – sowohl während des immersiven Designprozesses selbst als auch später im fertigen Produkt von den Spielern.[5]

Mit diesem Wechsel von schriftbasierter Konzeption und linearen Produktionsweisen zu einem Herstellungsprozess, in dessen Zentrum eine zyklische Iteration von Prototypen steht, verbinden sich vielerlei Konsequenzen, insbesondere für die Arbeitsteilung unter den Beteiligten. Dem Game Designer fällt dabei eine zentrale und integrative Rolle zu. In ihrer Bedeutung ist sie mit der des Regisseurs in den älteren audiovisuellen Medien vergleichbar,[6] unterscheidet sich aber wesentlich in ihren Inhalten, Vorgehensweisen und der Kooperation mit den anderen Beiträgern wie Grafikern, Animatoren und Informatikern. Denn einerseits ist Game Design als Gewerk zwar wie Regie der »act of deciding what a game should be«[7], andererseits sind digitale Spiele keine fertigen audiovisuellen Erzählungen, sondern »systems of interaction«.[8] Game Designer entwerfen und gestalten diese Systeme und präfigurieren ihren Gebrauch in einem Maß, das nicht zuletzt von Genre zu Genre variiert. Stets jedoch zielt Game Design nicht auf die audiovisuelle Darstellung von Handlungen in ihren zeitlichen Abläufen, sondern auf die Bereitstellung von Prozeduren und Elementen, die allererst im Akt des Spielens zu realisieren sind: »The game designer only indirectly designs the player’s experience, by directly designing the rules.«[9]

 Übersicht 

Als ästhetische Praxis steht Game Design in der doppelten Tradition des analogen Designs materieller Artefakte und des digitalen Designs von Software. Verfahren und Prinzipien aus beiden Bereichen prägen den Entwurf und die Realisierung digitaler Spiele. Dieses Kapitel schildert daher die doppelte Vorgeschichte des Game Designs: zum einen die Evolution der Praktiken und Theorien industriellen Designs (II-1 Analoges Design), dann die Digitalisierung der Designpraxis wie des Designdenkens (II-2 Digitales Design). Auf dieser Grundlage werden die Geschichte des Game Designs sowie seine wichtigsten Arbeitsfelder und Praktiken dargestellt (II-3 Game Design, II-4 Arbeitsfelder des Game Designs, II-5 Praktiken des Game Designs) …


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[1]      Varianten linearer Audiovisualität, die dem Film folgten, vor allem das analog-elektronische Fernsehen sowie der digitale Film und das digitale Fernsehen, fügten jeweils weitere Spezialisierungen hinzu, etwa die Live-Regie oder das so genannte »data wrangling«.

[2]      Game Designer verantworten die ludisch-narrative Gestaltung digitaler Spiele. Subspezialisierungen sind u.a. Author/Content Developer, Concept Author, Level Designer, Stage Director, Game Director.

[3]      Game Artists begleiten den gesamten Produktionsprozess digitaler Spiele von der Erstellung von Objekten (Modeling, Texturing) über Layout und Animation bis zur Erstellung von Bewegtbild-Sequenzen (Rendering). Subspezialisierungen sind u.a. Concept Artist, Character/World Designer, 2D Animation Artist, 3D Designer, 3D Animation Artist, Level Artist, Storyboard Artist, Art Director.

[4]      Game Informatiker operieren an der Schnittstelle von Game Design, Game Arts und Technologie und verantworten die prozedurale Realisierung von Game Design wie Game Arts. Subspezialisierungen sind u.a. Gameplay Programmer, Frontend Developer, Backend Developer, User Interface Developer, Tools Developer.

[5]     Siehe zu diesem Prinzip des ›Weltenbaus‹ u. S. 168ff. – Daneben gibt es selbstverständlich auch Spiele, bei denen lineare Narrationen den Ausgangspunkt der nonlinearen Gestaltung bilden; nicht zuletzt Adaptationen von linearen Werken der Literatur sowie von Film und Fernsehen.

[6]      Vgl. Egenfeldt-Nielsen et al.: Understanding Video Games, loc. 687.

[7]      Schell: The Art of Game Design, loc. 265.

[8]      Salen/Zimmerman: Rules of Play, loc. 651.

[9]      Ebd., loc. 4940.